März 9, 2021

Die WHO kennt Burnout…. wem hilft’s?

Die WHO (World Health Organization/Weltgesundheitsbehörde) hat in ihrer 11 Entwicklungsstufe der „International Classification of Diseases“ (ICD 11), also der (statistischen) Klassifizierung von globalen Gesundheitsinformationen das Burnout Syndrom mit aufgenommen, und zwar mit folgender Beschreibung: 

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Burnout ist ein Syndrom, das als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz konzipiert wurde und nicht erfolgreich behandelt wurde. 

Es ist durch drei Dimensionen gekennzeichnet: 

1) Gefühle der Energieverarmung oder -erschöpfung; 

2) erhöhte mentale Distanz zum eigenen Arbeitsplatz oder Gefühle von Negativismus oder Zynismus im Zusammenhang mit dem eigenen Arbeitsplatz; und 

3) ein Gefühl der Unwirksamkeit und des Mangels an Leistung. 

Burn-out bezieht sich speziell auf Phänomene im beruflichen Kontext und sollte nicht zur Beschreibung von Erfahrungen in anderen Lebensbereichen angewendet werden.
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Soweit die statistisch relevanten und nachweisbaren Informationen der WHO. 

Ich freue mich über die Anerkennung dieses wichtigen Themas, denn hier bietet sich erstmals die Chance, betroffene Menschen gezielt auf dieses Syndrom hin krankzuschreiben und zu behandeln. Bislang sind diese Menschen entweder mit „Depression“ oder einer „Belastungsstörung“ oder Ähnlichem krankgeschrieben und oft auch behandelt worden.

Die WHO fasst mit viel Energie und Intelligenz die statistisch nachweisbaren Phänomene zusammen und bietet Medizinern weltweit damit die Basis, Betroffene auf der Basis der aktuell bekannten, statistisch nachgewiesenen Zusammenhänge zu behandeln. 

Das ist ein guter Ansatz und es ist wichtig, dies zu verstehen. 

Aus diesem Ansatz kommt die Einstufung zustande, dass das Burnout-Syndrom nur im beruflichen Kontext vorkommt, was aus dem aktuellen Stand der Statistik nach richtig ist, weil nur die Ausfälle am Arbeitsplatz da inbegriffen sind, da die Ausfälle im privaten Umfeld schlicht derzeit noch nicht erfassbar sind. Das wird mit jedem Tag der Forschung „besser“ werden.

In meiner täglichen Praxis kann ich diesen Zusammenhang nicht auf den beruflichen Kontext reduzieren. Praktisch sprechen wir mit Betroffenen immer über ihre Verhaltensweisen, die privat und beruflich analog funktionieren. 

Grob kann ich die Betroffenen in drei Gruppen einteilen. 

Die erste Gruppe war erfolgreich, aber irgendwie ist das Gleichgeweicht ihrer „Kernwerte“ (meist „Familie“, „Arbeit“, „Hobbies“, „Freunde“, ….) gestört worden, in die Richtung eines Wertes gekippt und eskaliert. Diese Gruppe hat einfach zu viele belastende private und berufliche Themen ungelöst.  
Die zweite Gruppe hat lange erfolgreich gearbeitet, sich auf Arbeit fokussiert und Erfolge gefeiert. Dann kommt ein Störereignis (beruflicher und/oder privater Natur) und die Betroffenen stellen sich die Frage, warum sie sich „dies alles“ (meist beruflich) antun. Und ganz oft können die Betroffenen diese Frage (nach dem warum und was will ICH eigentlich) nicht mehr beantworten und fallen in eine tiefe Krise. 

Die dritte Gruppe hat viel gearbeitet, weil Ihnen das den (oft einzigen) Halt im Alltag gegeben hat, die privaten Themen sind eher Belastung, ziehen Energie, während die Arbeit selbst, wenn es sehr viel ist, als Energiebringer über Erfolg, soziale Kontakte & Struktur erlebt wird. Wenn die (belastenden) privaten Themen dann zu viel Zeit brauchen (neue Beziehung, Kinder, pflegebedürftige Angehörige), brechen die Menschen in dieser Gruppe komplett zusammen. 

Die Menschen aller Gruppen verbrennen also nicht an den beruflichen Themen, sondern an ihrer persönlichen Einstellung zu ihrem jeweiligen Leben, an ihren Werten und ihren Entscheidungsstrategien. Spannender Weise sind es aber oft genau diese Werte und Entscheidungsstrategien, die sie erfolgreich gemacht haben. 

Es scheint also vordergründig meist ein Dosierungs- Problem zu sein. 

In der Praxis zeigt sich aber meist ein anderes Bild: 
Gelernte Strategien und Werte werden nicht mehr hinterfragt und auf Ziel-Konformität überprüft. Wobei beim Nachfragen an der Stelle meistens herauskommt, dass die Betroffenen ihre hocheigenen Ziele nicht (mehr) kennen oder so herunter konfiguriert haben, um sie überhaupt erfüllen zu können, dass diese Ziele gar nicht mehr zu ihnen passen. 

Was ist an der Stelle zu tun? 

Es ist evident, dass eine medikamentöse Behandlung an der Stelle nur bedingt hilfreich ist. Das kann sinnhaft sein, wenn die Betroffen starke physische Symptome (Magen, Darm, Rücken, Bronchien…) oder starke psychische Symptome bis hin zur Suizid-Gefährdung aufweisen. Aber danach (oder schon begleitend) ist es zwingend mit den Betroffenen an ihren Wertesystemen und Entscheidungsstrategien zu arbeiten, sie aus ihren gewohnten „Komfortzonen“ (so unbequem die auch gerade sein mögen) heraus zu holen, ihre individuellen Ziele klären und gemeinsam Entscheidungsstrategien zu enzwickeln, die zu ihren Zielen passen und diese zu implementieren, zu festigen und überprüfen.  

Wie Sie sich sicher vorstellen können, sprechen wir hier über Prozesse bei den Betroffenen, die meist unterbewusst und mit einer lang gelernten Begründung „gut“ funktionieren. 

Überlegen Sie bitte für sich selber, können Sie sich gut vorstellen, diese Veränderungen mit einer Therapie (und damit ca. 50 Minuten/Woche Sitzung mit einem Therapeuten ohne Vor- und Nachbearbeitung) effizient zu lösen?

Die Antwort ist: Nein, wahrscheinlich können Sie es auch nicht. Und trotzdem wird es oft versucht und führt zu extrem unschönen Rückfallquoten (1 Burnout zwischen 50% und 65% statistische Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls), ab Burnout 2 haben die Betroffenen nur noch eine geringe statistische Wahrscheinlichkeit das Thema für sich positiv aufzulösen. 
Viel zielführender ist es an der Stelle, mehr Zeit in einem kürzeren Interwall mit den Betroffenen zu verbringen, ihre Überlastung auf zu räumen, ihre Ziele neu fest zu legen und die Wege zu diesen Zielen zu definieren und zu implementieren. Das heißt, die Betroffenen müssen sich verändern wollen, sonst geht es nicht. Es wird nicht „irgendwann wieder alles so sein wie vorher“. Es wird anders und wenn die Betroffenen das wollen, wird es gut und sie werden gestärkt aus dieser Krise kommen, da sie ihre eigenen Ziele kennen und die Strategien, die sie im Sinne dieser Ziele erfolgreich macht. 
Betrachten wir es mal nicht als Krankheit, sondern als Entwicklungsmöglichkeit.

Sie haben Fragen, Anmerkungen, Kommentare? 

Lassen Sie uns sprechen. 

Ihr Dieter Gilles

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